Dieser Blogpost bringt zwar einige interessante Themen auf, er vermischt (unter dem vereinfachenden Schlagwort “Wikipediarisierung”) meiner Meinung nach aber mindestens 3 verschiedene Themen:

  1. Überprüfbarkeit vor Ort vs. Überprüfbarkeit durch Zitate: Wem sollen wir (eher) vertrauen: dem Hörensagen unter Personen vor Ort (die sich in der Gegend am Besten auskennen sollten, aber wie verläßlich ist das Hörensagen?) oder (wie in der Wikipedia) “verläßlichen Quellen” (aber wer bestimmt, ob eine Quelle verläßlich ist?). Und in beiden Fällen kann es durchaus vorkommen, daß sich mehrere Quellen nicht einig sind (weder Personen vor Ort noch “verläßliche Quellen” haben unbedingt eine homogene Meinung), was soll dann passieren? Der Blogpost beklagt sich darüber, daß OSM zunehmend vom ersten zum zweiten Modell übergeht (“Wikipediarisierung”, wie er es nennt). Meiner Meinung nach hat das durchaus praktische Gründe: Das Befragen der Menschen vor Ort ist zwar ein sehr nettes Ideal, skaliert aber nicht wirklich. Es ist nicht nur sehr aufwendig, sondern ist auch weder bei Armchair-Mapping praktikabel, noch, wenn eine Touristin wichtige touristische POIs einträgt, noch bei formellen oder informellen (rund um Konferenzen wie den Linuxwochen) Mapathons, und das sind alles gängige Wege, um große Datenmengen in die OSM hineinzubekommen. Da ist das Sich-Berufen auf OGD, Webseiten der Lokale und Geschäfte usw. auf jeden Fall realistischer.

  2. Naturwissenschaften vs. Sozialwissenschaften: Der Blogpost behauptet, der Vor-Ort-Zugang (wie in OSM theoretisch erwünscht) sei “naturwissenschaftlich”, während der Zitat-Zugang (wie in Wikipedia) “sozialwissenschaftlich” und für Naturwissenschaften nicht geeignet sei. Das kann ich in der Form nicht nachvollziehen. Auch in den Naturwissenschaften spielen Zitate und verläßliche Quellen eine wesentliche Rolle. Es ist nur leichter, eine verläßliche Quelle zu definieren, und zwar durch Peer Review. Auch in der Wikipedia ist das ein wesentliches Kriterium, wobei natürlich nicht für alle Themenbereiche Peer-Reviewed-Quellen zur Verfügung stehen. (Gerade in der Kartographie ist das ein Problem, da müssen wir uns oft auf Ämter verlassen, was zu Diskussionen wie diesem Thread führt.) Ich sehe daher nicht wirklich, was am Zugang der Wikipedia “nicht naturwissenschaftlich” sein soll. Ich halte sogar eher den Vor-Ort-Zugang, wo es darum geht, Menschen direkt zu befragen, für “sozialwissenschaftlich”, aber im Grunde sollte das keine Rolle spielen. Es muß darum gehen, einen praktikablen pragmatischen Zugang zu finden, egal, aus welcher Wissenschaft dieser ursprünglich kommt.

  3. Willkürliche bzw. nicht wohldefinierte Daten (interpolierte Geometrien, subjektive Klassifizierungen): Der Blogpost bleibt lange abstrakt darüber, um welche nicht-überprüfbare Konstrukte es eigentlich geht, und bringt gegen Ende schließlich einige Beispiele, die aber im Grunde nichts mit den obigen beiden Themen zu tun haben. Konkret geht es im ersten Beispiel um Geometrien wie z.B. die einer Bucht (am Beispiel eines Fjords), wo nicht wohldefiniert ist, wo diese Bucht eigentlich konkret endet. Das ist aber völlig unabhängig davon, welchen Begriff der Überprüfbarkeit man hernimmt: Weder Personen vor Ort, noch (verläßliche) Quellen werden in der Lage sein, eine genaue konkrete Einschließung der Bucht anzugeben, bei der sich alle einig sind. Das gilt ja sogar für den Halbkontinent Europa, wo dermaßen Uneinigkeit über dessen genaue Abgrenzung von Asien (das ja eigentlich auch Teil ein- und desselben Kontinents Eurasien ist) herrscht, daß sich die Leute nicht einmal einig sind, welcher überhaupt der größte Berg Europas ist, weil einige den Elbrus halb oder ganz zu Europa zählen und andere nicht. (Auch darüber, ob der Hauptgipfel des Mont Blanc / Monte Bianco komplett in Frankreich oder auf der Grenzlinie zu Italien liegt, besteht übrigens Uneinigkeit, und auch da werden weder die Personen vor Ort noch andere Quellen eine einheitliche Antwort geben.) Eine Bucht zu einem geschlossenen Polygon zu vervollständigen, wird immer willkürlich sein. Ob man das dann so haben will, oder lieber einen Punkt-POI, ist eine eigene Diskussion und hat nichts mit der “Wikipediarisierung” zu tun. Ähnlich verhält es sich mit subjektiven Klassifizierungen etwa einer Wegqualität (die restlichen Beispiele), auch da werden sich die Quellen nicht einig sein, egal welche Quellen (auch lokale Personen) man hernimmt, “Wikipediarisierung” hin oder her.