Nachdem ich das Ganze nun seit einigen Wochen beobachte, verdichtet sich mein Eindruck, dass im Chaos der Schlüssel viel Energie im Nirvana entfleucht… Der Durchschnitt-OSMer hat ja vermutlich vorwiegend zwei Interessen: 1. er möchte ein Gebiet als Karte nutzen (z.B. in eine Website einbinden, auf das Navi laden) 2. er möchte mit den Daten eine Anwendung verknüpfen (Routing, Layer) Daten als Karte Hier geht der OSMer folgendermassen vor: Er zeichnet Punkte, Linien und Flächen. Dann überlegt er, mit welchen Schlüsseln er die Eigenschaften des realen Objektes am besten beschreibt. Und jetzt entfaltet sich folgender Mechanismus: Der Renderer versucht, aus den verschiedenen Häufigkeiten von Sets von Schlüsseln zu erahnen, was denn der Vermesser damit gemeint haben könnte. Oder er mach, unabhängig von den Wünschen der Vermesser einen eigenen Plan. Aus dieser Interpretation, gemischt mit seinem eigenen “Plan” wählt er dann eine Darstellung. Der Vermesser sieht auf dem Bildschirm, dass mit dem Set an Schlüsseln, die er einem Objekt zugeordnet hat, dieses anders dargestellt wird, als er sich das wünscht. Also spielt er solange mit Veränderungen, bis das Bild in etwa dem entspricht was er will. Dieses wiederum verwirrt den Renderer, der frustriert beschliesst, sich nicht mehr um das chaotische Hin und Her der Vermesser zu kümmern, sondern nur noch nach eigenem “Plan” zu handeln. Der Vermesser ahnt, dass hinter den Darstellungen ein “Plan” bestehen könnte. Also versuchte nun seinerseits diesen zu erahnen, und sich bei der Wahl seiner Schlüssel an der Ahnung dessen was er glaubt was sein könnte zu orientieren. Eine direkte Kommunikation findet nicht statt. Alles erschöpft sich im “Orakeln”. Ein Neuling hingegen tut das scheinbar Vernünftige: er fragt, mit welchen Schlüsseln denn nun ein Objekt am besten zu beschreiben sei. Im Wiki findet er dazu widersprüchliche Informationen. Wenn er sich (irgendwann) zum Forum oder gar zur Mailingliste durchgehangelt hat, entfacht sich dort eine chotische Diskussion der erfahrenen OSMer darüber, wie diese es denn selbst handhaben (jeder anders!) und was denn nun “sinnvoll” oder gar “richtig” sei - mit dem häufigen Ergebnis, dass entweder a) nichts klar ist, oder b) man sich auf eine Variante einigt. a) hilft natürlich niemandem, und b) zumindest solange nicht, wie das Ergebnis nicht sowohl den Renderern mitgeteilt (und von diesen konsequent umgesetzt) wird, als auch im Wiki verständlich, eindeutig, umfassend und vor allem zentral und einfach wiederauffindbar dokumentiert wird. Folglich wiederholt sich dieselbe Schleife immer wieder. So, dass sogar die Erfahrenen manchmal keine Lust mehr haben, sich über die Schlüssel Gedanken zu machen. Die Folge: viele geben entnervt auf, einige beschränken sich auf die wenigen Schlüssel, die sie glauben verstanden zu haben (und überlassen den Rest “den Fachleuten”, dass die es “schon richten” werden). Das Chaos lebt weiter, wird vielfältiger und mit Zunahme der Datenmenge und der Akteure entsprechend undurchsichtiger. Daten in Anwendung Völlig chaotisch wird es aber, wenn jemand versucht, die Daten für eine Anwendung zu nutzen. Anwendungen sind immer regelbasiert. Ein Routing-Programm muss beispielsweise feststellen, welche Strassenabschnitte für welche Achslast und/oder Durchfahrtshöhe zugelassen ist, oder welche Wege für Fussgänger auch ohne Gummistiefel zur Benutzung geeignet sind. Und wenn diese Information nicht eindeutig aus den den Elementen zugeordneten Schlüsseln hervorgeht, dann kann das Programm eine entsprechende Frage eben nicht beantworten. Oder wenn ein anderes Programm die Waldflächen berechnen möchte, dieser aber mal als “Urwald”, mal als “Nutzwald” mit jeweils chaotisch wechselnder Zuordnung beschrieben ist, dann kapituliert jedes Programm. Ideologie Eine der OSM-Ideologien heisst: jeder darf machen was er will - was gut ist wird sich durchsetzen. “Alles dürfen” ist ein wesentlicher Motor für Kreativität und Entwicklung. Es ist die Grundlage für den rasenden Erfolg von OSM, für die gegenwärtige exponentielle Entwicklung. “Das Gute wird sich durchsetzen” ist hingegen eine recht undifferenzierte und eher “magische” Hoffnung. Damit sie sich erfüllt, muss Energie aufgewendet werden, und zwar gezielt in Richtung “gut” - was eine Definition dessen was man denn unter “gut” verstehen will voraussetzt. Sonst entsteht eher Chaos, undifferenzierter Einheitsbrei, Energieverlust und Energielosigkeit. Lösung Ein Ausweg könnte sein: 1. einen zentralen Ort festlegen, wo Erkenntnisse und Vereinbarungen abgelegt werden können 2. jede Vereinbarung dort verständlich, eindeutig, umfassend dokumentieren 3. jeder (Vermesser, Renderer, Entwickler) richten sich nach den dokumentierten Vereinbarungen “Evolution” erfolgt dann durch Entwicklung, Veränderung und erneute Dokumentation solcher Vereinbarungen. Gruss, Markus