ich komme von hier, dort geht es um eine Anschlussbahn, die möglicherweise, oder auch nicht, stillgelegt ist. Aus meiner Sicht als On-the-ground-Mapper bin ich da nun seit mehreren Jahren vorbeigekommen und sehe jedes mal eine zugewucherte Bahnstrecke, auf der offensichtlich seit mehreren Jahren kein Zug gefahren ist. Ein anderer Mapper wirft jetzt in den Raum, dass man doch aus Gründen der Unfallverhütung besser den “offiziellen” Betriebsstatus der Strecke mappen sollte (der aber offenbar nicht bekannt ist, zumindest wurden bisher keine weiteren Quellen genannt). Die Doku im Wiki bietet mir weder in der englischen noch in der deutschen Version irgendwelche konkreten Anhaltspunkte, woran ich erkennen kann, ob eine Strecke als railway=disused getaggt werden soll.
Könnt ihr da Licht ins Dunkel bringen? Gibt es irgendwelche Richtlinien, die nur noch nicht dokumentiert wurden…?
Dieses Gleis führt in ein Kraftwerk. Wir haben so etwas in Wien auch, und dort hab ich mal gehört, das Gleis wird nur im extrem seltenen Fall befahren, wenn ein riesiges schweres Teil (zB Trafo) geliefert/abtransportiert werden muss. Das ist seltener als 1x im Jahr. Somit kann ein sehr seltenes Befahren durchaus den Regelfall darstellen, den ich nicht mit disused taggen würde.
Neben der OTG-Regel stellt sich auch die Frage, ob eine solche Strecke noch zu Bahnzwecken formell gewidmet ist oder entwidmet wurde. Zuständig ist hier erst einmal das Eisenbahnbundesamt, das die Zuständigkeit an die jeweilige Landesbahnaufsicht weiter gibt.
Hier eine für diesen Fall u.U. zutreffende Anlaufstelle, falls es sich um eine nicht-bundeseigene Strecke handelt: https://lea-niedersachsen.de/
Ein Nachfragen dort könnte zumindest Klarheit zum formellen Status der Strecke bringen.
Klarstellung: Früher sind da Kohlezüge gefahren, das Heizkraftwerk hier hat vor mehreren Jahren aber von Kohle auf Gas, Biomasse und Altholz umgestellt, das jetzt per LKW kommt.
So wie ich Steube verstehe, hieße das: eine Strecke, die noch gewidmet ist, ist nicht railway=disused? Aber so wie ich mitbekommen habe, kann eine Widmung auch immer noch bestehen, wenn die Gleise schon abgebaut wurden…?
Mammi71
(One feature, Six mappers and still More ways to map it)
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So ist es. Es kann sogar Strecken geben, wo die Gleise entfernt wurden und nun ein Radweg existiert, die Widmung aber bewusst erhalten wurde, um eine spätere Reaktivierung zu ermöglichen.
PS: solange die Schranken in der Hamburger Str. stehen und einen betriebsfähig aussehen würde ich davon ausgehen, dass die Strecke nicht stillgelegt ist.
Auch an stillgelegten, aber nicht abgebauten Strecken stehen noch Andreaskreuze am Bahnübergang. Daher sind Schrankenbäume kein wirklich nützliches Hilfsmittel zur Entscheidung rail vs. disused.
Die Stilllegung einer Bahn ist ein förmlicher Akt, wenn der Infrastrukturbetreiber sie nicht mehr unterhalten möchte (meistens: keine Einnahmen mangels Verkehr). Er schreibt sie dann zur Übernahme durch Kauf/Pacht aus. Meldet sich niemand, wird sie stillgelegt.
Die obige Bahn ist aber möglicherweise keine öffentliche Bahn, auf der jedes Eisenbahnverkehrsunternehmen, das die rechtlichen und technischen Voraussetzungen erfüllt, eine Fahrplantrasse bestellen kann. Denn es gibt auch nichtöffentliche Anschlussbahnen.
Und selbst dann, wenn eine Bahn nicht stillgelegt ist, kann sie zuwachsen. Beispielsweise ist die Württembergische Schwarzwaldbahn zwischen Weil der Stadt und Calw nie stillgelegt worden. Sie wurde nach einem Erdrutsch in den 1980er-Jahren von der damaligen DB einfach betrieblich gesperrt. Für neuere Beispiele empfehle ich einen Blick auf die Streckenbeschreibungen der Bahnen des Betreibers Deutsche Regional-Eisenbahn.
Als OpenStreetMap-Projekt sollten wir einen nützlichen Mehrwert bieten. Dieser besteht IMHO darin, zu schauen, was da tatsächlich vor Ort ist. Es nützt nichts, bei einem zugewucherten Gleis auf railway=rail zu bestehen, wenn der Bahnlärm lediglich aus Vogelgezwitscher besteht.
Wenn das Gleis überwuchert ist und Bäume auf ihm wachsen, ist es stillgelegt (railway=disused). Aber auch schon eine länger andauernde Sperrung mittels Signal Sh 2 (rote rechteckige Scheibe) rechtfertigt das, sofern das Gleis nicht gerade saniert wird (dann railway=construction).
Wer einen Spezialtransport, z.B. eines Transformators, plant, macht ggf. auch mal eine stillgelegte Nebenbahn wie die Hunsrückquerbahn befahrbar. Solche Fahrten sind selten.
Es wäre daher für eine konkrete Beantwortung der Fragestellung hilfreich, Fotos der Strecke sehen zu können. Reden wir hier über wüchsige Brombeersträucher, von denen ein paar Zeige über die Schienenköpfe reichen? Oder wachsen junge Birken durch das Schotterbett und, falls ja, wie lange schon?
Viele Grüße
Michael
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Mammi71
(One feature, Six mappers and still More ways to map it)
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Bei einfachen Andreaskreuzen an abgebauten Strecken gehe ich mit Dir, sowas findet man.
Eine komplexe Anlage mit Schranken und Lichtsignalanlagen wie hier ist das eher weniger wahrscheinlich, dass man diese in diesem Umfang stehen lässt.
Mammi71
(One feature, Six mappers and still More ways to map it)
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“Neulich wurde der Bewuchs auf der Strecke dann wieder zurückgeschnitten, aber keine Ahnung, was das über den “offiziellen” Stilllegungszustand aussagt.”
Dem stimme ich zu. Das trifft hier in der Gegend zum Beispiel auf das Teilstück Schenklengsfeld-Heimboldshausen der Hersfelder Kreisbahn zu, das offiziell auch nie stillgelegt wurde und zu dem sich seit über 20 Jahren Reaktivierungs-Überlegungen im Kreis drehen. Aktuell wird diese Strecke jedenfalls nicht genutzt und ist demgemäß als zu Recht als “disused” getaggt.
Mammi71
(One feature, Six mappers and still More ways to map it)
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Ich würde den offiziellen Status einer Stillegung keinesfalls überbewerten. Abgesehen von dem bereits geschilderten Fall einer bewussten Nicht-Stilllegung kenne ich auch eine Strecke, deren Gleise bereits kurz nach dem 2. WK als Reparationsleistungen demontiert wurden. Der Bahnkörper ist heute real teils asphaltiert (teils Radweg, teils Straße), teils track, teils Trampelpfad und am Ende stehen sogar Bungalows. Erst im Rahmen der Reaktivierungsdiskussionen hat mal jemand nachgeforscht - die offizielle Stilllegung wurde in den Nachkriegswirren schlicht vergessen.
na und, wenn sie nicht offiziell stillgelegt ist dann ist der rechtliche Status auch noch Bahnstrecke (bzw. dafür vorgesehen), ob das “mutmaßlich übersehen” wurde oder absichtlich so gemacht, wird soweit ich weiß gleich getaggt und wird sich bei einer Reaktivierung vermutlich gleich verhalten, oder?
Ich hatte zwar in der Kartennotiz geschrieben, dass die Strecke offenbar freigeschnitten wurde, aber das betrifft soweit ich gesehen habe nur den kurzen Abschnitt von der Hamburger Straße bis Bienroder Weg, der inzwischen auch schon wieder einigermaßen von Brombeeren vereinnahmt wurde. Bis zum Sommer standen hier mannshohe Birken und Weiden. (Fotostandort, Blickrichtung Westen am 2. Oktober 2025)
Im Bereich des Anschlusses zur Strecke Braunschweig–Gifhorn ist die Gleissperre hinter der abzweigenden Weiche allerdings noch ebenso zugewachsen wie vorher die Strecke an der Hamburger Straße, und das setzt sich auch noch ein paar Meter weiter südlich davon fort. Hier bin ich bis letzte Woche seit mehreren Jahren nicht gewesen, aber ausgehend von der Größe der Büsche schätze ich, dass diese mindestens zwei Jahre alt sind. (Ungefährer Fotostandort mit Blickrichtung Süden am 28. September)
Weiter bin ich noch nicht gekommen. Die Bahnübergänge im Nordpark sind auf jeden Fall noch alle gut in Schuss, nicht beschrankt, aber mit Andreaskreuz. Die wurden auch erst vor ein paar Jahren im Zuge der nördlicheren Neubaugebiete bzw. Anlage des Nordparkes hier neu erbaut, als das HKW noch mit Kohle beliefert wurde.
Zusätzlich habe ich auf der Webseite der StadtBahnPlus-Initiative der Stadt Braunschweig einen Sachstandsbericht von 2023 gefunden. Es war in der Diskussion, den Gleisanschluss für die Stadtbahnstrecke Richtung Querum zu nutzen. Die Aussage im Bericht ist aber, dass BS Energy sich den Gleisanschluss für zukünftige Lieferungen von Brennmaterial zum HKW offenhalten will, was der Verwendung der Trasse für die Stadtbahn (Spurweite 1100mm) offenbar entgegensteht.
Vielen Dank für die Fotos. Wenn es Hinweise gibt, dass da zumindest einmal jährlich ein Zug fährt, könnte man das zumindest bis zum Ende der Vegetationsperiode 2026 auf rail belassen. Sollte das Zuwachsen dann weiter fortgeschritten sein und diesem kein Einhalt geboten werden, kann man die Gleise auf disused herunterstufen.
Blank sind die Schienenköpfe nicht, aber Flugrost ist bei Bahnschienen schnell zur Stelle.
Die würden wohl mittelfristig den Unterbau kaputt und unbefahrbar machen, während so’n Trafo mit schwerer Diesellok oder auch ein Zug mit “Biomasse und Altholz” stärker ist als ‘ne Brombeere, womit das Gleis durchaus betriebsbereit wäre …
Bin gerade selbst über ein Industriestammgleis gestolpert, wo ein vor paar Jahren noch belieferter Betrieb wohl nichts mehr bekommt und dann auch noch Mängel am Gleis festgestellt wurden, so dass dieses erst mal mit Sh2 verziert wurde … Bis zum Sh2 wurde es aber vor paar Jahren noch als Abstellgleis saniert samt “Wiese” als “Ladestelle” (ganz nebenbei: wie taggt man das eigentlich?) In einem amtlichen Masterplan *) wurde aber eine weitere Sanierung in Aussicht gestellt samt evtl. Ausbauten mit neuen Gleisen und Reaktivierung von vor wenigen Jahren ausgebauter Weichen, weil das Gebiet sollte eigentlich weiter per Bahn erreichbar bleiben. Dort war auch zu lesen, dass ein auf einem Abschnitt längst ausgebautes Gleis auf einer für eine breite Schwerverkehrstrasse überasphaltierte Trasse noch immer für den Bahnverkehr gewidmet ist samt div. Abzweigoptionen für 1-2 neue Indistriegebiete …
*) sind Pläne in Parlamentsvorlagen eig. als Quelle zulässig? Demnächst gibt es sicher paar verregnete kalte langweilige Wochenenden für Couchmapping …
Schon. Aber dadurch würden die Zweige ja abgeschert, und das war hier nicht der Fall, deswegen war es für mich ein Indikator, dass hier schon länger kein Zug mehr gerollt ist.
Das schon, aber Brombeeren sind kein wesentliches Hindernis beim Betrieb, kann man jederzeit drüberfahren, wenn man will, im Gegensatz zu Birken im Gleis. Wenn man die Strecke betriebsbereit hält, spricht das eigentlich gegen eine Stilllegung, auch wenn man den nächsten Zug vielleicht erst in 3 Jahren erwartet … Wenn die Anlage auch “Biomasse und Altholz” verbrennt, könnte sich durchaus jederzeit eine Bezugsquelle auftun, die per Schiene günstiger anzuliefern ist …